Den Haien läuft die Zeit davon

11. Mai 2010

77.803 Zuschauer auf Schalke. Weltrekord und dazu noch ein Sieg in der Over time gegen die USA. Kämpferischer Auftritt und knappe Niederlage gegen Finnland vor 18.654 in der ausverkauften Lanxess-Arena in Köln. Die Eishockey-WM ist in aller Munde. Im Gegensatz zu der Situation des finanziell angeschlagenen Eishockey-Club Kölner Haie. Der achtfache Deutsche Meister bangt weiter um seine Zukunft.

Schon seit mehreren Monaten buhlen die Haie um die Stadt Köln. Nach den Vorstellungen der Haie könnte die Stadt in Sachen Nachwuchsförderung den Club unterstützen. Nur hat die dem Verein auch nach etlichen Gesprächen immer wieder eine Absage erteilt. Auch die Gespräche mit der Lanxess-Arena bei denen es um die aus Sicht des Vereins zu hohen Mietkosten für die Arena und der Köln-Arena 2, der Trainingshalle an der Gummersbacher Straße, geht, sind bis dato nicht positiv verlaufen Keine gute Ausgangslage  für den Verein der gerade für die neue Saison plant. Und die Zeit läuft dem Club davon. Denn wie die Kölnische Rundschau in ihrer Print-Ausgabe vom Dienstag, 11. Mai, schreibt, haben die Gesellschafter des Traditionsclubs die Lösung der Hallen-Finanzierung zur Bedingung gemacht, um die Kölner Altlasten zu tilgen.  

Unterdessen wird via Facebook dazu aufgerufen, dem Oberbürgermeister der Stadt, Jürgen Roters, und den Sponsoren der Haie E-Mails zu schicken, und sie zum Handeln aufzufordern. Ein User findet, dass man sich so eine Chance (die WM), wo Fans aus dem In- und Ausland nach Köln kommen, nicht entgehen lassen. “Und wenn nur noch ein paar T-Shirts oder sonstwas verkauft wird: Aber nur so machen wir deutlich, dass uns die Haie nicht egal sind.” Auf die Frage, ob die WM den KEC retten kann und sich möglicherweise Sponsoren während des Turniers finden, antwortete Haie-Geschäftsführer Thomas Eichin der Bild-Zeitung: “Es kann einen langfristigen Boom geben. Doch das nützt uns kurzfristig nichts.“ Es bleibt also abzuwarten, wie sich die Zukunft des Kölner Eishockey-Clubs entwickelt. Mehr als Abwarten können auch diejenigen Haie-Fans und Facebooknutzer nicht, die jüngst die Gruppe “Ich will meine KEC-DAUERKARTE für die nächste Saison!!” gegründet haben.

Pinnchen No. 14

10. Mai 2010

Immer wieder gerne gesehen sind Fehler auf der Speisekarte oder Tafel. Diesmal im Angebot:

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Hauptstadt eben #4

10. Mai 2010

Mein zweiter Versuch als Kunstkritiker. Aber Dank Michael Jackson kommt über Bande auch etwas Popkritik hinzu. Eine Pop-und-Art-Kritik also, aber keine PopArt-Kritik. Moment, in dem Text steht doch was von Andy Warhol, also… Ach, einfach lesen:

michaeljackson

Thomas Olbricht ist kein Künstler mehr. „Ich habe vor Jahren aufgehört, selbst Kunst zu machen, weil ich merkte, dass es Leute gibt, die darin besser sind“, sagt 62-jährige Kunstsammler. Will er damit indirekt sagen, dass er bisher noch keinen besseren Sammler als sich selbst gefunden hat?

Seinen frisch in Berlin Mitte eröffneten Ausstellungsraum hat Olbricht allerdings ganz bescheiden nicht nach sich selbst benannt. Das „ME“ in „ME Collectors Room“ steht für Moving Energies und bezieht sich nicht auf den Sammler selbst. Behauptet er zumindest, denn in der Ausstellung spielt Olbricht eine zentrale Rolle: Er hat Kunstwerke aus den verschiedensten Epochen ausgesucht und arrangiert. Seine Assoziationen zu einem Werk schlagen die Brücke zum nächsten.

So steht er vor einer Vitrine, in de ein Ölbild mit Mäusen aus dem 17. Jahrhundert hängt. Darunter stehen zwei Mäusebriefbeschwerer aus dem 20. Jahrhundert, Apfelkitschen aus Bronze (2006) liegen daneben. „Die Mäuse sind aus dem Bild gekrabbelt und haben die Äpfel gegessen“, eklärt Olbricht begeistert. Er wird gerne ein Kindskopf genannt.

„Natürlich können alle Kunstwerke für sich alleine stehen“, erklärt der Sammler, der mit Briefmarken anfing und seit 40 Jahren Kunst einkauft. „Doch ich wollte den Fundus der Ausstellung zu einem Gesamtkunstwerk machen. So etwas gab es noch nicht.“ Also ist Olbricht doch irgendwie ein Künstler geblieben. Der fünffache Vater ist Doktor in Chemie und Medizin, war Professor für Innere Medizin am Uniklinikum Essen und Vorsitzender Aufsichtsrat der Wella AG.

wunderkammer

Seine Mediziner-Vergangenheit lässt sich wohl am ehesten noch in der Wunderkammer des ME Collectors Room erkennen. Hier sind kleine Modelle aus der Barokzeit ausgestellt – Menschen, die sich in ihre anatomischen Einzelteile zerlegen lassen. Um sie herum hat Olbricht geschnitzte Skelette drapiert. „Ich bin nicht auf den Tod fixiert, auch wenn die Stücke in der Wunderkammer das vermuten lassen. Für mich spielt das Leben in all seinen Exzessen eine Rolle.“ Olbricht geht die Treppe zu den Ausstellungshallen runter, in denen er zur Zeit sein erstes Projekt im Collectors Room zeigt. „Passion Fruits“ hat er es genannt, es ist bis zum 12. September zu sehen.

Das erste Stück in den Hallen hat mit dem Tod tatsächlich nicht viel zu tun. Es ist eine Skulptur aus Gummipenissen, deren Schatten wie Gesichter aussehen. Olbricht tippt gegen ein Gummigeschlecht und lacht. Er ist wieder der Kindskopf. Auch als er beobachtet, wie sich zwei Besucher auf eine Bank in der Mitte der Halle setzen und fast runterfallen, weil die Bank automatisch wegrollt. „Großartig, oder? Die Leute nehmen Platz, weil sie in Ruhe die Gemälde betrachten wollen, doch die Sitzgelegenheit lässt ihnen keine Ruhe.“

Selbst die Möbel sind hier Kunst. An den Wänden hängen in erster Linie Bilder zeitgenössischer Künstler. Doch nur eins von einem Star: Andy Warhols Portrait von Jackie Kennedy ist deutlich kleiner als die Werke der Kunst-Newcomer, die Olbricht für seine erste Ausstellung ausgewählt hat. „Natürlich hätte ich den Collectors Room mit einem Blockbuster eröffnen können. Gerhard Richter etwa. Aber man muss ja nicht wiederholen, was es überall gibt“, sagt Olbricht und erklärt, dass er das Ziel hat, mit junger Kunst junge Leute in seine Ausstellung zu locken. „Ich glaube, dass das mit dieser Form der Präsentation klappen könnte. Ich biete eine Mischung der verschiedensten Dinge an – das passt gut zur jungen Generation, die sehr multifunktional ist und vieles gleichzeitig tut.“

So trifft moderne asiatische Kunst , etwa ein spektakuläres Bild von einer chinesischen Alice, die in ein Kaninchenloch fällt, auf deutsche Werke. Oder asiatische Besucher auf amerikanische Kunst. „Japaner lassen sich unglaublich gerne vor diesem Bild fotografieren.“ Olbricht deutet auf ein kitschiges Bombast-Gemälde, das Michael Jackson hoch zu Ross als König Philip II. zeigt. Engel halten dem Popstar einen Lorbeerkranz auf über das zarte Gesicht. „Das Bild des Amerikaners Gehinde Wiley hat Jackson selbst in Auftrag gegeben“, erklärt Olbricht. „Er wollte es in der Neverland-Ranch aufhängen, starb aber, bevor es fertig wurde.“ Bei Olbricht ist es gut aufgehoben. Sein Collectors Room ist auch ein Sammelsurium von Träumen und Geschichten. Und Michael Jackson wäre sicher froh zu wissen, dass sein Gemälde jetzt einem Kindskopf gehört.

Fotos: ME Collectors Room

Analytisches zum Star Wars Tag

04. Mai 2010

Wie kann man in einem Köln-Blog den Star Wars Day besser zelebrieren als mit diesem Klassiker:

 

Dass nur die Bösewichter Kölsch sprechen, bedeutet übrigens nicht, dass Kölner böse sind oder wegen der vielen Klüngel-Vorwürfen als böse wahrgenommen werden sollen. Die Videos sind vielmehr so witzig, weil Kölner als die nettesten und sympathischsten Menschen der Welt gelten.

Komik entsteht, wenn Gegensätze aufeinander treffen - bis auf “…und dann kam Polly” hat das jede romantische Komödie bewiesen. Da das Imperium nun sehr böse, der Clip aber lustig ist, bedeutet das, dass Kölner sehr gut sein müssen, da das ja der Gegensatz zum Imperium ist.

Oder anders ausgedrückt: In dieser romantischen Komödie wäre das Imerpium Jack Nicholson, die Kölner wären Helen Hunt.

Hauptstadt eben #3

03. Mai 2010

esstnazis

1. Mai, Berlin. Wenn man schon hier ist, will man auch was erleben. Zwar ahne ich, dass man mir Krawall-Tourismus vorwerfen wird, doch ich bin nicht bereit, in Sicherheit zu bleiben, wenn wegen einer angekündigten Nazi-Demo und eine geplanten Blockade Nazis, Linksautonome und Polizisten aufeinander treffen. Da muss ja was passieren!

Na, soviel passierte dann doch nicht, aber trotzdem konnten die Nazis am Marschieren gehindert werden.

Ein schöner Nachmittag also, der für mich um 12 Uhr am Alexanderplatz begann. Da mich das iPhone schon eine Woche lang sehr zuverlässig durch Berlin geführt hat (in spätestens einem Jahr werde ich komplett vergessen haben, wie ich jemals irgendetwas ohne das Ding habe machen können – inklusive Zeitunglesen), hoffe ich, dass es auch einen guten Krawall-Touristenführer abgibt und lade mir den Twitteraccount der Antifa runter.

Erste Nachricht:

Alle Leute die noch nicht an Blockaden und auf der Suche danach sind – SchönhauserAllee/BerlinerStr ,neuer Punkt #1mai #nazifrei #Berlin

In der Bahn dorthin treffe ich zwei Punkermädchen und eine alte Fau mit (vielleicht nur dem Datum wegen) rot gefärbten Haaren. Alle drei haben sich rote Blumen angesteckt, die der DGB verteilt hat. Die Bahn fährt nur eine Station weit. Der Rest der Strecke ist wegen der Demo gesperrt. Der Krawall-Tourist freut sich. Die drei Damen mit den Blumen nicht. “So weit laufen”, stöhnt eine Punkerin. “Wollen wir abbrechen?” fragt die andere. Die rotgefärbte Dame zeigt mehr Idealismus. “Für den guten Zweck musste auch schon mal loofen, Kleene.” Die drei laufen sehr langsam. Ich habe sie schnell hinter mir gelassen, ebenso wie den Rest der linken Autonomen, der sehr gemächlich schlendert. Wie soll mit so wenig Engagement Dramatik entstehen?

Ich komme an einem Café Courage vorbei, in dem sich einige eben jene bereits anfrühstücken. Nebenan verkauft ein Geschäft Klamotten für Demonstranten aller Art. Würde es jedenfalls, wenn nicht Feiertag wäre. Und so sind die meisten Leute doch sehr normal angezogen, als ich am Treffpunkt ankomme, wo die Antifa belegte Brote und die Grünen Anti-Nazi-Ballons verteilen.

proviantFlipchart

Ein Antifa-Mädchen erklärt den Blockade-Plan und sagt, wo noch Leute gebraucht werden. Sie tut das auf einem Flip-Chart - jenem Riesenblock, auf dem modene Kapitalisten sonst die Übernahme der Welt planen. Ist das schon ein politisches Statement oder nur ein Versehen?

Während ich mit vielen Umwegen zur Blockade laufe (überall hat die Polizei Absperrungen hochgezogen), komme ich an chillenden Menschen vorbei die sich auch nicht von einem sehr ungeduldigem Kerl aus de Ruhe bringen lassen, der behauptet, um die 20 Nazis gesehen zu haben, denen man aufs Maul geben muss. Ich sehe keine Nazis, nur etwa 1000 Menschen, die sich vor eine Absperrung drängen und Lieder hören, in denen davon gesungen wird, man solle Nazis küssen statt verhauen. So habe ich mir das nicht vorgestellt. Auch nicht, dass zum Getrommel einer Samba-Kapelle getanzt wird, statt Parolen zu rufen. Ist aber schön.

ClownKapelle

Naziaufmarsch ist gestartet #1Mai #nazifrei #Blockade #Berlin

heißt es plötzlich über Twitter. Es ist 14.45 Uhr. Ein paar Polizisten, die Demonstranten von Dächern verscheuchen, werden ausgebuht. Zwei Wasserwerfer gehen in Position. Interessiert aber keinen. Streit mit Polizisten gibt es nur, wenn sie sich weigern, Demonstanten zum Chinaimbiss duchzulassen. Ansonsten werden Leute angepöbelt, die sich mit Fahrrädern durch die Menge quetschen. Gegen Leute mit Kinderwagen sagt aber keiner was. Sowieso tummeln sich einige Kinder in Wasserwerfer-Nähe. Ich bin enttäuscht – unter den Umständen werden die doch nie zum Einsatz kommen!

Überall scheint was los zu sein, außer da, wo ich bin. Behauptet jedenfalls der Typ, der den Twitter-Account befüttert:

Polizei geht agressiv gegen GegendemonstrantInnen vor, passt auf euch auf – bleibt agil #1Mai #nazifrei #Blockade #Berlin

Brennende Barrikaden rund um den Ubhf-Vineta-Straße, Greifenhagener Straße muss dicht gemacht werden !!! #1Mai #nazifrei #Blockade

Polizei setzt Schlagstöcke und Pfefferspray gegen GegendemonstrantInnen ein #1Mai #nazifrei #Blockade

Das alles passiert angeblich direkt bei uns um die Ecke. Doch es ist nichts zu hören. Und die Polizisten vor uns machen gar nix. Doch: Sie lassen Christian Ströbele mit seinem Fahrrad durch. Er schüttelt ein paar Hände, bedankt sich für das Engagement gegen die Nazis und wid trotz Fahrrad nicht angepöbelt.

Stinkefinger

“Gebt den Nazis die Straße zuück – Stein für Stein!” brüllen manche und ziehen sich schwarze Kapuzen über. Ihre Milchgesichter sind aber zu weiß und pickelig, als dass es der schwaze Block sein könnte. Außerdem bekommen sie die Steine nicht aus dem Pflaster gelöst. Sie versuchen es auch nur halbhezig. Die Nazis könnten sie eh nicht treffen. Die rücken weit hinter der Polizeilinie an. So weit, dass sie zunächst niemand sieht.

Dann entdeckt sie doch jemand, und die “Nazis raus”-Rufe schwellen an. Die Menge drängt an die Barrikaden, lässt sich aber brav von der Polizei ein Stück zurückdrängen. die Nazis gehen nicht weiter. Ich springe hoch, kann sie aber nicht wiklich erkennen. Sie sind noch sehr weit weg. Die Polizei will etwas sagen, doch die Stimme aus dem Lautsprecher wird von Buh-Rufen übertönt. Ich kapiere nicht ganz, warum die als Gegner gesehen werden. Es gab doch bisher gar keinen Steit. Und den wird es auch nicht mehr geben. Wahrscheinlich wurde durchgesagt, dass sich die Nazis zurückziehen. Es kommt jedenfalls eine neue Twitter-Meldung rein.

Nazis sind umgedreht laufen auf der Bornholmer zurück #1Mai #nazifrei #Blockade

Jubel statt Krawall. Die Menge löst sich auf. Die Radfahrer kommen wieder durch, ohne dass sie jemand anpöbelt.

haufen

Hauptstadt eben #2

30. April 2010

Wahrscheinlich ist es absolut verpönt, einen Blogpost nicht aus der Ich-Perpektive zu schreiben. Ich tue es trotzdem im folgenden Text, der meine Beobachtung auf der Eröffnung dieser absolut grandiosen Ausstellung im Martin-Gropius-Bau zusammenfasst. Wer in nächster Zeit in Berlin ist, sollte sie auf keinen Fall verpassen.

Der Text ohne Ich beginnt nach dem Foto.

Your Blind Movement, 2010

Das Fotografierverbot im Martin-Gropius-Bau ist inkonsequent. Immerhin heißt die aktuelle Ausstellung des isländischen Künstlers Olafur Eliasson „Innen Stadt Außen“. Und da sollte man den Besuchern doch ruhig erlauben, dass sie ihre Eindrücke von innen nach außen mitnehmen können. Ein Trick, das Verbot zu umgehen, wäre vielleicht, statt mit dem Handy mit der Spiegelreflexkmera zu knipsen. Dann könnte man nämlich behaupten, man würde dasselbe tun wie der Künstler, der mit Hilf von Spiegeln das Äußere nach innen und das Innere nach außen holt.

Die 11000 Besucher die sich am Mittwoch, dem Eröffnungstag der Ausstellung von zehn bis 24 Uhr durch den Matin-Gropius-Bau schieben, bringen vor allem eins von außen mit: Hitze und Schweißgeruch. Doch auch das Museum schwitzt – den Eindruck können die Besucher in der meterlangen Warteschlange vor dem Museum bekommen, denn dichter Nebel dringt aus dem Gebäude und schlängelt sich die Straße runter. Was es mit dem Nebel auf sich hat, erfährt der Besuche erst im Museum.

„Die Ausstellung im Gropius-Bau umfasst beinahe ausschließlich neue Arbeiten, die unmittelbar als Reaktion auf die Ortsspezifik des Museums konzipiert wurden“, erklärte Gastgeber Eliasson vor der Eröffnung der Ausstellung. Und tatsächlich bekommen die Besucher den Eindruck, als wäre das Museum untrennbar mit den Kunstwerken verbunden – mehr noch, als würden Eliassons Arbeiten den Raum selbst in das Kunstwerk verwandeln.

Die Illusion ist dabei immer groß, doch Eliasson, der seit 1994 in Berlin lebt und arbeitet, benutzt einfache Mittel, um sie zu erzeugen. Licht, Wasser, Spiegel. Mehr braucht der Künstler oft nicht. Und so reagieren die Leute hingerissen, wenn sie sich etwa selbst in verschiedenen Farben auf die Museumswände projiziert sehen und als Kunstwerk bestaunen können. Das Staunen gehört bei Eliasson zum zentralen Element seiner Kunst. Er will, dass sie erlebt und nicht nur betrachtet wird. „Am besten wäre es, die Leute könnten im Museum übernachten“, sagt er etwa.

Your Uncertain Shadow Colour, 2010

Da die Besucher die Kunst nicht nur reflektieren, sondern mit ihr verschmelzen, setzt die im Museum übliche Regel, leise zu sprechen, aus. Eliassons Kunst durchflutet so stark alle Sinne, dass man sie nicht für sich behalten kann, sondern mit anderen teilen muss. Sie inspiriert im besten Sinne.

„Ich verwette eine gute Flasche Sekt darauf, dass das auch ein Kunstwerk ist“, sagt etwa ein Mann zu seiner Partnerin. Die beiden stehen in der ersten Etage und schauen durch ein Fenster auf eine Rasenfläche, die in de Luft zu schweben scheint, auf den ersten Blick aber wie gewöhnliches Unkraut auf einem Vordach aussieht. „Du bist nur gehirngewaschen vom Rest der Ausstellung“, entgegnet die Partnerin. Ein Kind schaut auch aus dem Fenster und fragt: „Und den Rasen darf man sich nur angucken?“ Seine Mutter antwortet patzig: „Nein, du sollst zuhören, wie das Gras wächst.“

Überhaupt toben viele Kinder durch die Räume und können nicht genug Kunst bekommen, die sie eher als Spielzeug wahrnehmen. Sie starren etwa gebannt auf riesige Bilderrahmen, die die Schatten im Raum zu Gemälden machen. Ein Zwölfjährige erklärt seiner Mutter: „Das ist Kreativität. Aus etwas Eindeutigem entsteht etwas völlig anderes.“ Eliasson inspiriert. Auch zu geistigen Höhenflügen.

Mikroskop, 2010

Eine Art Höhenflug ist gleichzeitig auch der Höhepunkt der Ausstellung. Durch ein raffiniertes Spiegelkonstrukt, das Eliasson um das Lichtdach einer großen Halle im Museum arrangiert hat, erschafft er einen komplett künstlichen Raum, der keine Grenzen zu haben scheint. Besser gesagt: Er löst den Raum völlig auf und sorgt dafür, dass der Betrachter das Gefühl bekommt, in der Unendlichkeit zu schweben.

Das Gegenteil passiert zwei Räume weiter: dichter Nebel raubt jedes Gefühl für Dimension, rotes, grünes und blaues Licht nimmt die Orientierung. Auch hier gibt es keinen Raum mehr. Durch eine dünne Lüftungsanlage strömt ein wenig Nebel nach draußen in die Warteschlange. Im Museum bleibt soviel übrig, dass alle Leute um einen herum nur noch Schemen sind – Geister. Eine Besucherin hebt ihr Fotohandy. Plötzlich spricht sie ein Geist aus dem Nebel an. „Keine Fotos!“ Wie gesagt: eigentlich inkonsequent. Wie soll man all die Eindrücke von hier drinnen mit nach draußen nehmen?

Fotos: © 2010 Olafur Eliasson

Hauptstadt eben #1b

29. April 2010

Ein kurzer Nachtrag zum Post von gestern. Das hier (also das unscheinbare Til Schweiger-Poster)

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bewirbt das hier (also die hingeschmierte Internet-Adresse)

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(Das ist wohl der kürzeste Post, den es in diesem Blog je gegeben hat. Keine Angst, das wird durch einen sehr langen Eintrag morgen ausgeglichen.)

Hauptstadt eben #1

28. April 2010

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Da ich jetzt zwei Wochen lang in Berlin bin und der Blog nicht so lange einsam und allein gelassen in Köln bleiben soll, habe ich mich entschlossen, ihn mitzunehmen. Und das tollste ist, dass ich nicht einmal die Farben änden muss, weil auch die Berline Flagge rot und weiß ist.

Ich bin jetzt seit fünf Tagen hier, Zeit für ein erstes Resümee. Mir ist aufgefallen, dass manche Dinge in der Hauptstadt unverhältnismäßig sind. Die Repräsentation von Dingen scheint hier manchmal wichtiger zu sein als die Dinge selbst. Nicht umsonst sagt wohl so mancher Kölner gerne, dass er sich in Berlin genauso wohl fühlen würde wie zu Hause, würde nicht alles so verdammt weit auseinander liegen. Aber hey, das ist die Hauptstadt! Da müssen die Dinge groß und flächig präsentiert werden. Da muss man das Gefühl haben, lange Wege gehen zu müssen, weil jedes Ziel so verdammt wichtig ist.

Zum Beispiel das Kino am Potsdamer Platz. Der Platz unter der Kuppel des Sony Centers ist riesig. Man läuft so lange drüber wie in Köln von einem Kino zum anderen. Und hat man das Kino einmal erreicht, erkennt man, dass es (flächenmäßig) kleiner ist als der Cinedom und im Keller UNTER dem Platz liegt.

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Das Phänomen taucht abgewandelt auch in Prenzlauer Berg auf, wo man sich so weit wie möglich vom yuppigen Protz in Berlin-Mitte distanzieren will. Hier gingen wir auf ein Konzert in einem quasi besetzten Haus. Das Konzert war rotzig fein und fand in einem winzigen Raum statt. Doch der Weg zum Konzert war lang: Jeder musste sich aus Dingen, die er gerade zur Hand hatte, Masken basteln, um hinein zu kommen. Repräsentation und Aufwand stehen also in keinem Verhältnis zur Veranstaltungsgröße. Und der Gang zur Toilette in diesem Haus? Drei Räume und zwei Vorhänge mussten passiert werden, um in einen großen Raum zu gelangen, in dem eine Empore erklommen werden musste, um ein einziges Pissoir oder eine Kloschlüssel zu erreichen.

Repräsentation vor Inhalt trifft auch auf einige Studentenwohnungen in Berlin zu, die zwar dreimal so groß aber nur halb so teuer wie die in Köln sind, aber so spärlich mit Möbeln bestückt, dass die Regel “Lange Wege – wenig Inhalt” wieder zutrifft.

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In Perfektion wird die Regel allerdings im Regierungsviertel befolgt. Wobei ich jetzt nicht so platt sein will, “wenig Inhalt” auf die Reden im Bundestag zu beziehen. Es geht mir darum, dass der Bundestag zwar groß ist, aber umstellt von Regierungsgebäuden, die ebenso groß sind. In diesen Häusern gibt es dann Büros oder Konferenzräume, die aber stets einen Bruchteil der Fläche der Empfangshallen haben. So passt etwa der Raum, in dem die Bundespressekonferenzen abgehalten werden, mindestens 20 Mal in das Foyer vor dem Raum.

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Die unterirdischen Verbindungsgänge zwischen den Regierungshäusern sind so breit und hoch angelegt, dass man meint, alle Abgeordneten können gemeinsam durchgehen. Vielleicht müssen sie das ja auch, weil sie alle zur gleichen Zeit Mittag machen.

Muss in Berlin alles etwas größer als anderswo sein, nur weil es die Hauptstadt ist? Oder spiegelt sich hier einfach nur das “Wir sind wieder wer”-Gefühl wieder, dass nach der Wende und spätestens nach dem Regierungsumzug wieder in der Stadt Einzug erhalten hat? Immerhin wird dieses überschwängliche Selbstbewusstsein doch wieder abgemildert, weil das sich das schlechte Gewissen, das man immer noch hat, im auch sehr weitläufigen Holocaust-Denkmal materialisiert.

Pinnchen No. 13

19. April 2010

Hund on line: Auf dem Bahnsteig am Hansaring wartet ein Kerl in Schlabberhosen auf einen Bekannten. Er hat einen ziemlich jungen, ziemlich süßen Hund dabei. Das Interessanteste an diesem Paar ist aber die Leine, die die beiden verbindet: Der junge Hundebesitzer hat seinem Fifi nämlich kurzerhand ein knallgelbes USB-Kabel ans Halsband geknotet. Geht auch!

Pinnchen No. 12

19. April 2010

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Samstäglicher Lehrergeburtstag im Kölner Umland, gerade hat im Fernsehen die Final-Show von “Deutschland sucht den Superstar” begonnen. Ein Teil der Geburtstagsgäste  – die meisten um die 50 – erweist sich als erstaunlich “DSDS”-versiert und kennt die Stärken und Schwächen der Finalisten Mehrzahd und Menowin ganz genau. “Menowin?”, mischt sich ein weiterer Lehrer ein, “der Geiger? Der ist doch schon seit ein paar Jahren tot!”