
1. Mai, Berlin. Wenn man schon hier ist, will man auch was erleben. Zwar ahne ich, dass man mir Krawall-Tourismus vorwerfen wird, doch ich bin nicht bereit, in Sicherheit zu bleiben, wenn wegen einer angekündigten Nazi-Demo und eine geplanten Blockade Nazis, Linksautonome und Polizisten aufeinander treffen. Da muss ja was passieren!
Na, soviel passierte dann doch nicht, aber trotzdem konnten die Nazis am Marschieren gehindert werden.
Ein schöner Nachmittag also, der für mich um 12 Uhr am Alexanderplatz begann. Da mich das iPhone schon eine Woche lang sehr zuverlässig durch Berlin geführt hat (in spätestens einem Jahr werde ich komplett vergessen haben, wie ich jemals irgendetwas ohne das Ding habe machen können – inklusive Zeitunglesen), hoffe ich, dass es auch einen guten Krawall-Touristenführer abgibt und lade mir den Twitteraccount der Antifa runter.
Erste Nachricht:
Alle Leute die noch nicht an Blockaden und auf der Suche danach sind – SchönhauserAllee/BerlinerStr ,neuer Punkt #1mai #nazifrei #Berlin
In der Bahn dorthin treffe ich zwei Punkermädchen und eine alte Fau mit (vielleicht nur dem Datum wegen) rot gefärbten Haaren. Alle drei haben sich rote Blumen angesteckt, die der DGB verteilt hat. Die Bahn fährt nur eine Station weit. Der Rest der Strecke ist wegen der Demo gesperrt. Der Krawall-Tourist freut sich. Die drei Damen mit den Blumen nicht. “So weit laufen”, stöhnt eine Punkerin. “Wollen wir abbrechen?” fragt die andere. Die rotgefärbte Dame zeigt mehr Idealismus. “Für den guten Zweck musste auch schon mal loofen, Kleene.” Die drei laufen sehr langsam. Ich habe sie schnell hinter mir gelassen, ebenso wie den Rest der linken Autonomen, der sehr gemächlich schlendert. Wie soll mit so wenig Engagement Dramatik entstehen?
Ich komme an einem Café Courage vorbei, in dem sich einige eben jene bereits anfrühstücken. Nebenan verkauft ein Geschäft Klamotten für Demonstranten aller Art. Würde es jedenfalls, wenn nicht Feiertag wäre. Und so sind die meisten Leute doch sehr normal angezogen, als ich am Treffpunkt ankomme, wo die Antifa belegte Brote und die Grünen Anti-Nazi-Ballons verteilen.


Ein Antifa-Mädchen erklärt den Blockade-Plan und sagt, wo noch Leute gebraucht werden. Sie tut das auf einem Flip-Chart - jenem Riesenblock, auf dem modene Kapitalisten sonst die Übernahme der Welt planen. Ist das schon ein politisches Statement oder nur ein Versehen?
Während ich mit vielen Umwegen zur Blockade laufe (überall hat die Polizei Absperrungen hochgezogen), komme ich an chillenden Menschen vorbei die sich auch nicht von einem sehr ungeduldigem Kerl aus de Ruhe bringen lassen, der behauptet, um die 20 Nazis gesehen zu haben, denen man aufs Maul geben muss. Ich sehe keine Nazis, nur etwa 1000 Menschen, die sich vor eine Absperrung drängen und Lieder hören, in denen davon gesungen wird, man solle Nazis küssen statt verhauen. So habe ich mir das nicht vorgestellt. Auch nicht, dass zum Getrommel einer Samba-Kapelle getanzt wird, statt Parolen zu rufen. Ist aber schön.


Naziaufmarsch ist gestartet #1Mai #nazifrei #Blockade #Berlin
heißt es plötzlich über Twitter. Es ist 14.45 Uhr. Ein paar Polizisten, die Demonstranten von Dächern verscheuchen, werden ausgebuht. Zwei Wasserwerfer gehen in Position. Interessiert aber keinen. Streit mit Polizisten gibt es nur, wenn sie sich weigern, Demonstanten zum Chinaimbiss duchzulassen. Ansonsten werden Leute angepöbelt, die sich mit Fahrrädern durch die Menge quetschen. Gegen Leute mit Kinderwagen sagt aber keiner was. Sowieso tummeln sich einige Kinder in Wasserwerfer-Nähe. Ich bin enttäuscht – unter den Umständen werden die doch nie zum Einsatz kommen!
Überall scheint was los zu sein, außer da, wo ich bin. Behauptet jedenfalls der Typ, der den Twitter-Account befüttert:
Polizei geht agressiv gegen GegendemonstrantInnen vor, passt auf euch auf – bleibt agil #1Mai #nazifrei #Blockade #Berlin
Brennende Barrikaden rund um den Ubhf-Vineta-Straße, Greifenhagener Straße muss dicht gemacht werden !!! #1Mai #nazifrei #Blockade
Polizei setzt Schlagstöcke und Pfefferspray gegen GegendemonstrantInnen ein #1Mai #nazifrei #Blockade
Das alles passiert angeblich direkt bei uns um die Ecke. Doch es ist nichts zu hören. Und die Polizisten vor uns machen gar nix. Doch: Sie lassen Christian Ströbele mit seinem Fahrrad durch. Er schüttelt ein paar Hände, bedankt sich für das Engagement gegen die Nazis und wid trotz Fahrrad nicht angepöbelt.

“Gebt den Nazis die Straße zuück – Stein für Stein!” brüllen manche und ziehen sich schwarze Kapuzen über. Ihre Milchgesichter sind aber zu weiß und pickelig, als dass es der schwaze Block sein könnte. Außerdem bekommen sie die Steine nicht aus dem Pflaster gelöst. Sie versuchen es auch nur halbhezig. Die Nazis könnten sie eh nicht treffen. Die rücken weit hinter der Polizeilinie an. So weit, dass sie zunächst niemand sieht.
Dann entdeckt sie doch jemand, und die “Nazis raus”-Rufe schwellen an. Die Menge drängt an die Barrikaden, lässt sich aber brav von der Polizei ein Stück zurückdrängen. die Nazis gehen nicht weiter. Ich springe hoch, kann sie aber nicht wiklich erkennen. Sie sind noch sehr weit weg. Die Polizei will etwas sagen, doch die Stimme aus dem Lautsprecher wird von Buh-Rufen übertönt. Ich kapiere nicht ganz, warum die als Gegner gesehen werden. Es gab doch bisher gar keinen Steit. Und den wird es auch nicht mehr geben. Wahrscheinlich wurde durchgesagt, dass sich die Nazis zurückziehen. Es kommt jedenfalls eine neue Twitter-Meldung rein.
Nazis sind umgedreht laufen auf der Bornholmer zurück #1Mai #nazifrei #Blockade
Jubel statt Krawall. Die Menge löst sich auf. Die Radfahrer kommen wieder durch, ohne dass sie jemand anpöbelt.
